DER TEUFEL IM CHRISTENTUM

 

"Ubique daemon, der Teufel ist überall [...]. In keiner anderen Religion ist das Bild des Negativen, des Bösen, so konzentriert zusammengefaßt wie in der Gestalt des Teufels in der christlichen Lehre: Bocksbeinig wie der griechische Gott Pan, geflügelt und gehörnt, nach Pech und Schwefel stinkend, als listige Schlange und als furchterregender Drache, mit dem der Erzengel Michael in endlosem Streit liegt. Aber auch als kleine dunkle Gestalt, die dem Menschen auf der Schulter sitzt und ihm unablässig böse Gedanken eingibt, so spukt der Teufel durch die christliche Mythologie.
Einst war er ein Engel, der schönste aller Engel, die Gott geschaffen hatte: Lucifer, das heißt der, der das Licht bringt. Er fiel von Gott ab und wurde verbannt, ob auf die Erde oder in die Hölle wird nicht so recht klar in den biblischen Texten. Auch darüber, was genau sein Vergehen war, sind sich die Kirchenväter nicht einig. In der 'Göttlichen Komödie' von Dante wird berichtet, er habe in anmaßendem Stolz 'die Wimper gegen seinen Schöpfer gehoben'. Einer anderen Fassung zufolge wollte Lucifer nicht gerade sein wie Gott, aber 'er wurde auf den Menschen eifersüchtig, rebellierte und wurde den göttlichen Gesetzen abtrünnig'.
In der Apokalypse wird von einem Kampf zwischen den Engeln berichtet: Der Erzengel Michael, der ewige Streiter für Gott, warf sich dem Aufstand im Himmel entgegen:
'Und es war Kampf im Himmel; Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen; auch der Drache kämpfte und seine Engel und sie siegten nicht, und ihre Stätte ward nicht mehr im Himmel gefunden. Und der große Drache, die alte Schlange, die Teufel und Satan heißt, der Verführer der ganzen Welt, ward geworfen und auf die Erde geschleudert, und seine Engel wurden mit ihm geworfen.'
Der Kampf im Himmel erinnert an die Götter- Titanenschlachten im griechischen Himmel. Auch mag das Hinkebein, das dem Teufel zugesprochen wird, hier seinen Ursprung haben. Während aber in der griechischen Mythologie sich das jüngere Geschlecht am Ende doch immer gegen das ältere durchsetzt - Chronos besiegt seinen Vater Uranos und wird selbst von seinem Sohn Zeus besiegt, die Besiegten aber in die Unterwelt verbannt werden -, behält in der Bibel der allmächtige Gott die Oberhand: Lucifer wird aus dem Himmel verbannt.
Gott selbst also hat den Teufel geschaffen: erstens, weil es nichts geben kann, das nicht von Gott erschaffen wurde - denn Gott ist vollkommen und nichts geschieht ohne seinen Willen - und zweitens, weil in Gott die reine Liebe und Güte ist und somit das Böse aus ihm ausgeschlossen werden mußte. Wie leicht ersichtlich, sind diese beiden Begriffe Gottes, des Einen, Allumfassenden und des einen, gütigen Gottes, nicht zu vereinbaren. Ist Gott Alles, so muß er auch das Böse umfassen, ist Gott aber reine Liebe, so kann der Haß nicht in Gott sein. Dies ist eins der zentralen Probleme der mittelalterlichen Scholastik, die versuchte, Gott von allen negativen Elementen frei zu halten. ( Mystiker wie Jacob Böhme entschieden sich für die andere Lösung des Problems und sahen in Gott Licht und Finsternis vereinigt. ) Wenn das Böse doch in der Welt ist und nicht von Gott kommen kann, dann muß das Böse eben einen anderen Ursprung haben: Es kommt vom Teufel.
Die Erfahrung des mittelalterlichen Menschen, Hungersnöte, Glaubenskriege, die Pest und soziale Umwälzungen, überzeugte diesen nur gar zu handgreiflich von der Existenz von namenlosem Leid und Schmerz, Haß und Krieg. Dem namenlosen Elend wurde ein Name gegeben - Satanswerk. Die Erde wurde dem Menschen zur Hölle, und die Kirche, um ihre Machtansprüche bangend, befand, der Herr der schwarzen Heerscharen habe sich aufgemacht, die Herrschaft über die Erde zu erringen. Je finsterer die Zeiten wurden, desto mehr Teufelsspuk erschien. Zwischen dem 15. und dem 17. Jahrhundert wurden unzählige Frauen jedes Standes auf dem Scheiterhaufen verbrannt als 'vom Teufel besessenes Fleisch, das aus dem Leib der Heiligen Kirche herausgeschnitten werden mußte, damit dem Bösen Einhalt geboten werden konnte.' Und je mehr Frauen die Inquisitoren als Hexen verbrennen ließen, desto mehr Hexen erschienen: 'Es wollte einfach kein Ende nehmen', schreibt kopfschüttelnd ein Aufklärer aus dem letzten Jahrhundert, der das Licht der Vernunft im dunklen Mittelalter aufspüren wollte.
Ist der mittelalterliche Teufel eher Symbol des unstrukturierten Chaos, des namenlosen Schreckens, so nähert sich der bürgerliche Teufel wieder dem Luciferischen Prinzip des Lichtbringers an. Wie schon im Buche Hiob liegt dieser Teufel zwar mit Gott in einem endlosen Kampf um die Seele des Menschen, wird aber von Gott in dieser Rolle durchaus unterstützt. Es ist der lachende Teufel, der mit seinem Herrn, dem Gott, in einem ewigen Kampfe liegt, der sich im Menschen selbst abspielt. Goethe läßt seinen Gott in der Tragödie 'Faust' Mephisto wie folgt anreden: 'Du darfst auch da nur frei erscheinen; ich habe deinesgleichen nie gehaßt. Von allen Geistern, die verneinen, ist mir der Schalk am wenigsten zur Last. Das Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffen, er liebt sich bald die unbedingte Ruh; drum geb ich gern ihm den Gesellen zu, der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen.'
Der Teufel, der ewige Widersacher Gottes, ist Gottes Antithese. Jede Bewegung ensteht nur aus dem Widerstreit entgegengesetzter Prinzipien, und die Güte Gottes könnte so betrachtet ohne die Bosheit des Teufels gar nicht ins Bewußtsein der Menschen kommen. Das Prinzip des Teufels umfaßt eine doppelte Antithese zu dem des Gottes: Die Schlange als Symbol der Kraft der Materie steht der Kraft des Geistes in Gott gegenüber und der Tod als Zeichen der Endlichkeit widersetzt sich der in Gott seienden Ewigkeit.
Der Teufel als ewiger Zerstörer, als Schnitter Tod, wie der Volksmund ihn sieht, versinnbildlicht das Prinzip der Zeit als Ausdruck der Endlichkeit aller irdischen Erscheinungen. Daher wird die Hölle oft als riesiger Schlund dargestellt, der alles Lebendige verschlingt. Mephisto stellt sich Faust mit folgenden Worten vor: 'Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht; drum besser wär's, daß nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz, das Böse nennt, mein eigentliches Element.'
Wie Gott als Prinzip der Schöpfung bezeichnet wird, so der Teufel als Prinzip der Zerstörung. Keines der beiden Prinzipien kann aber am Ende über das andere siegen, würde das doch den totalen Stillstand bedeuten. So müht Mephisto sich unablässig, der Schöpfung ein Ende zu machen: 'Was sich dem Nichts entgegenstellt, das Etwas, diese plumpe Welt, so viel als ich schon unternommen, ich wußte nicht, ihr beizukommen, mit Wellen, Stürmen, schütteln, Brand - geruhig bleibt am Ende Meer und Land! Und dem verdammten Zeug, der Tier- und Menschenbrut, dem ist nun gar nichts anzuhaben. Wie viele hab ich schon begraben! Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut. So geht es fort, man möchte rasend werden! Der Luft, dem Wasser wie der Erden, entwindend tausend Keime sich, im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten! Hätt ich mir nicht die Flamme vorbehalten, ich hätte nichts Aparts für mich.'
Das teuflische Moment der Zerstörung symbolisiert die Vorstellung der Zeit und der Endlichkeit. Der Teufel als Sensenmann ist der saturnische Aspekt des Satans. Die Zeit bereitet ein Ende allen Dingen und hat ihren Widerpart in der Ewigkeit, die in Gott liegt. Der andere Aspekt des Teufels liegt in eben jener Lust der Materie, sich in unendliche Formen fortzupflanzen. Die Natur, die sich in jeder ihrer Gestalten neu gebiert, den Menschen eingeschlossen, wurde der christlichen Lehre deshalb zu einer ungeheuren Obszönität. Die Dämonen des Teufels aus dem Mittelalter stellten sich vor als uncubi und succubi, den Menschen zur Fleischeslust verführend.
Das Christentum selbst hatte sich als Antithese zu den alten Naturreligionen verstanden und die Herrschaft des Geistes über die Materie gelehrt. Der Teufel der Lust aber demonstrierte, gleich ob in der Stille der Klöster oder in den Ehebetten des braven Volkes, den Widerstand des Fleisches gegen die Vergeistigung. In den Hexensabbaten lebten uralte Fruchtbarkeitsriten fort, und so wurde der Teufel zum Symbol der Natur, der Materie, der Fleischeslust und - des Weibes. Bis ins vierte Jahrhundert wurde die Schlange, die die ersten Menschen verführte, mit einem weiblichen Gesicht abgebildet.
Der christliche Weg der Erlösung lehrt die Überwindung des Fleisches. Die Flamme, das Symbol des Teufels, ist zugleich das Symbol des Heiligen Geistes, des Prinzips der alle Widersprüche versöhnenden Liebe. Die reine Liebe hat die Fesseln der Materie, des Fleisches, hinter sich gelassen und ist eingegangen in den reinen Geist - die Lust und der Tod aber liegen in der Hand des Teufels."

die-plage.de/teufel.htm       Home · 666 · Elemente · Erdichtet · Pentagramm · Plagen · Gästebuch · Post